Ein weißes Auto, ein blaues Auto und ein Fahrrad fahren gerade...

…den Stutz hinauf in den Goldbacher Wald. Dämmrig und frisch ist es heute… Hinter den Bäumen geht gerade die Sonne auf und verzaubert den Morgen mit ihren leuchtenden Strahlen. Auf dem Waldplatz liegen viele bunte Blätter, die die Bäume über Nacht herabgeworfen haben.

Da steigen auch schon die ersten warm eingepackten Kinder aus. Ein munteres „Guten Morgen!“ ist zu hören, und fröhliche Stimmen klingen über den Waldplatz.

Alle Familien werden begrüßt, und die ein oder andere wichtige Info wird ausgetauscht. Die Flaschen werden in die Trinkstation gestellt und der Rucksack an der Garderobe aufgehängt. Noch ein dicker Abschiedskuss, und schon ist es Viertel vor neun: Der Gong zum Morgenkreis erklingt.

Am Morgenkreisplatz geht es turbulent zu. Während zwei Kinder aus dem Bauwagen noch die Morgenkreisdose holen, kann manch ein Kind heute nicht den richtigen Platz finden. Nun sind alle Kinder bereit, und der Morgenkreis kann beginnen. In der alten Dose sind alle wichtigen und schönen Dinge aufgehoben, die wir für unseren Morgenkreis benötigen.

Ein kräftiger Trommelwirbel ertönt, und gespannt schauen wir, wessen Namensstein aus dem Säckchen gezogen wird und wer somit unser Morgenkreiskind ist. Im Nu werden alle Kinder gezählt und geschaut, wer denn heute fehlt und warum.

Als Nächstes darf sich das Morgenkreiskind ein Begrüßungslied aussuchen. „Guten Morgen, sagt die Sonne zu dir“, soll es heute sein. Nacheinander erzählt jedes Kind, von wem oder was es heute begrüßt werden möchte: von der schwarzen Spinne, den gelben Buchenblättern, der braunen Erde, dem grünen Moos…

Danach bestimmen wir noch den Wochentag und überlegen, was wir heute erleben möchten. Einige Kinder haben Lust auf ein Lagerfeuer, andere möchten an der Baustelle weiterbuddeln. Ein paar Kinder haben gestern begonnen, Stöcke für unsere Waldhütte zurechtzusägen. Wer Lust hat, kann gleich nach dem Frühstück dazu kommen und das Grundgerüst weiter mit aufbauen.

…Händewaschen vor. Die Handtücher werden verteilt, Wasser und Seife bereitgestellt. Da ertönt der Gong, und das Morgenkreiskind ruft: „Hände waschen, Frühstückszeit!“

Wir waschen die Hände, holen die Rucksäcke und treffen uns am großen Tisch wieder. Rasch haben alle einen Platz gefunden, und miteinander rappen wir einen unserer Guten-Appetit-Sprüche: „Alle meine Entchen schwimmen im Spinat, rutschen übers Spiegelei, landen im Salat. Guten Appetit!“

Die Rucksäcke werden geöffnet und die reichlich gefüllten Brotdosen ausgepackt. „Mmmh lecker, Oppawoscht!“ Nun lassen wir es uns schmecken, denn eine leckere und gesunde Brotzeit mundet an der frischen Luft einfach doppelt gut. Dabei erzählen wir uns manch lustige Geschichte oder lesen aus einem unserer Bücher vor.

Nach dem Frühstück treffen sich viele Kinder im Matschloch. Dort wird eifrig gebuddelt, ein kleiner Bachlauf soll entstehen. Man sieht Kinder mit großen Gießkannen und alten Töpfen Regenwasser heranschleppen. „Schaut mal! Das Wasser fließt heute echt blitzschnell den Abhang hinab. Cool!“

Ein Grüppchen streunt über den Waldplatz, auf der Suche nach Zundermaterial und Feuerholz. Ein paar andere machen es sich auf der Kutsche bequem und galoppieren los – der Weg ist noch weit, bis nach Russland soll es heute gehen. Zwei Kinder streifen über die Wiese und entscheiden sich schließlich, mit Stöckchen nach den schönen bunten Steinen in der Erde zu suchen.

Die Herbstsonne kommt hinter der dichten Nebelsuppe hervor, Sonnenstrahlen scheinen uns ins Gesicht, und es wird so warm, dass wir unsere Jacken ausziehen können. Die Hütte wird nun auch weitergebaut und mit Tannenzweigen bedeckt. Auch das Lagerfeuer brennt inzwischen.

Am Hang geht es lustig zu – aus dem Bachlauf ist eine Schlammrutsche geworden, und die Kinder haben einen Heidenspaß. So manches Kind ist auf den ersten Blick einfach nicht mehr wiederzuerkennen: lehmverschmierte Gesichter, die einstmals blaue Hose und rote Jacke haben nun eine einheitlich graubraune Farbe.

…sehen sie aus, unsere glücklichen Waldkinder!

Wie so oft ist auch dieser Vormittag für uns alle beinahe zeitlos verflogen. „Es ist soweit: Aufräumzeit!“ Nach dem Aufräumen treffen sich alle im Abschlusskreis. Während des Frühstücks überlegten wir, wer eigentlich wie alt ist. Zum Abschluss stellen sich heute alle Kinder, vom jüngsten bis zum ältesten – und dann auch noch einmal nach Körpergröße – in einer Reihe auf. Gar nicht so einfach, aber schließlich klappt es richtig gut. Nun sucht sich unser Morgenkreiskind noch seinen liebsten Spruch aus: „Mach dich groß wie ein Riese, mach dich klein wie ein Zwerg.“

Alle Kinder, die jetzt nach Hause gehen, schnappen sich ihre Rucksäcke und flitzen los. Am Hintereingang warten schon die Mamas und Papas. Wichtige Infos werden an die Eltern gegeben, und dann noch ein schöner Nachmittag gewünscht.

Mittlerweile haben auch die Mittagskinder wieder Hunger bekommen. Schließlich macht die Arbeit im vorhin eingerichteten Friseursalon ganz schön hungrig: Haare gründlich kämmen, schneiden und die Flechtfrisur nicht vergessen! Der Gong ertönt, alle waschen wieder die Hände und packen ihre Thermodose aus. Bei dem einen gibt es Milchreis, und zwei andere Kinder haben eine warme Suppe dabei. Gemütlich sitzen wir bis kurz vor 14:00 Uhr zusammen.

Die restlichen Kinder werden abgeholt, wir verschließen Tür und Fensterläden des Bauwagens, bevor auch wir uns auf den Heimweg machen. Nun kehrt Ruhe auf dem Waldplatz ein. Doch nicht ganz – Mäuse, Eichhörnchen und Kleiber huschen nun wieder über den Platz.

Bis morgen!

Ein Blick in den Tagesablauf im Waldkindergarten

8:00 – 8:30 Uhr: Bringzeit

  • Wir begrüßen jedes Kind: „Schön, dass du da bist!“
  • Kurzer Informationsaustausch zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften (Befindlichkeit des Kindes, Abholregelung, Dauer des Aufenthalts).
  • Anschließend bereiten wir gemeinsam mit den Kindern den Morgenkreis vor.

8:45 – ca. 9:15 Uhr: Morgenkreis

  • Gemeinschaft erleben: Wer ist heute da? Wer fehlt? Wir planen den Tag und sammeln Ideen, z. B. für Ausflüge.
  • Sprache erleben: Geschichten und Märchen hören, Wünsche äußern, von Erlebnissen erzählen.
  • Lernen: Themen besprechen, Gefühle benennen, einander ausreden lassen, Wochentag, Wetter und Jahreszeit reflektieren.
  • Musik machen: Begrüßen, Bewegen und Spielen zu unseren Liedern im Wald.
  • Atmosphäre genießen: Geborgenheit, Sicherheit und Rituale durch feste Tagesstrukturen.

9:30 Uhr: Frühstückszeit

  • Frische Luft macht hungrig!
  • Hände waschen, Rucksäcke holen, Brotdosen öffnen.
  • Guten-Appetit-Spruch vor dem Essen.

10:00 – 12:30 Uhr: Pädagogische Kernzeit

  • Zeit zum Spielen: Kinder wählen selbst Mitspieler, Ort und Material.
  • Angebote auf dem Waldplatz oder unterwegs.
  • Fachkräfte halten sich im Hintergrund, beobachten, unterstützen Ideen, helfen bei Problemen, trösten und geben Mut.
  • Gemeinsame Lösungsfindung und Kompromisse werden begleitet.
  • Projekte, Exkursionen und Ausflüge orientieren sich an den Interessen und Bedürfnissen der Kinder.

12:30 Uhr: Erste Abholzeit und zweite Vesper

  • Erste Kinder werden abgeholt.
  • Kurzer Austausch mit den Eltern über den Vormittag.
  • Hände waschen und gemeinsam Brotdosen öffnen.
  • Gemeinsames Essen in gemütlicher Runde.

13:00 – 14:00 Uhr: Freispielzeit

  • Zeit zum Spielen, Entspannen, Erzählen oder Werkeln.
  • Angebote in Kleingruppen.

13:30 – 14:00 Uhr: Zweite Abholzeit

  • Kinder werden abgeholt.
  • Kurzer Austausch mit den Eltern über den Vormittag im Wald.

Pädagogischer Ansatz

Waldpädagogik bedeutet für uns

Das Wiederentdecken unserer ursprünglichen Wurzeln in der Natur. Wir nehmen die Atmosphäre und die unterschiedlichen Stimmungen im Wald wahr – mit all seinen Geräuschen, dem Wetter, den Jahreszeiten sowie den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft.

Als Gegenpol zu vielen menschengemachten Orten lässt die Natur Raum für freies Spiel, Bewegung und Kreativität, aber auch für Stille und Entspannung.

Dabei entstehen bei den Kindern wie auch bei uns viele Fragen: Was krabbelt denn da auf der Wiese? Warum sind manche Tiere ausgestorben? Wieso gehen diese Blüten auf und zu? Solche Fragen zu klären, sehen wir als eine unserer Aufgaben.

Doch dies beschränkt sich nicht nur auf das Bereitstellen von Wissen. Viel wichtiger ist es uns, der Verbundenheit von Mensch und Natur auf die Spur zu kommen und die Kinder für das grüne Leben um uns herum zu begeistern.

Denn beides – Wissen und Wertschätzung – ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder später als Erwachsene ökologisch sinnvoll handeln. Naturpädagogik verfolgt also im doppelten Sinn einen nachhaltigen Ansatz.

Das Fundament unserer Arbeit

Wir erfahren, dass es in der Natur Dinge gibt, die gleichbleiben – wie der Standort eines Baumes oder die Geländebeschaffenheit – während sich andere Dinge verändern, zum Beispiel die Jahreszeiten, das Wetter oder das Licht. Für uns bedeutet dies, täglich auf die vielen wechselnden Erlebnisse, Stimmungen und Fragen zu reagieren und uns auf die daraus resultierenden Bedürfnisse der Kinder einzulassen.

Kinder sind erst dann frei handelnd und ihrem Umfeld gegenüber aufgeschlossen, wenn sie sich geborgen und sicher fühlen. Dazu benötigen Kinder draußen einen anderen Schutz als drinnen. Zum einen brauchen sie gerade im Freien – durch die Weite des Naturraums – die Nähe eines Erwachsenen und ihnen vertraute Orte. Zum anderen benötigen sie witterungsentsprechende Kleidung, damit sie sich körperlich wohlfühlen und sich entfalten können.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ziehen wir los. Wir laufen durch Wald und über Wiesen und entdecken dabei ökologische Zusammenhänge. Wir lernen die Lebensräume von Pflanzen und Tieren kennen und erkunden abenteuerliche Pfade. 

Kinder für Naturmomente zu sensibilisieren – wie herrlich nussig Bucheckern schmecken, welche Wiesenblume am schönsten duftet, wie sich Baumrinde anfühlt, wie feuchtes Waldmoos riecht oder wie die Kraniche rufen, wenn sie im Frühjahr und Herbst über uns fliegen – begeistert uns.

Inklusion in der Waldbande 

Zum Glück sind alle anders. Jedes Kind ist eine Bereicherung für die Gruppe, und wir versuchen, die Trennung von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf weitestmöglich aufzuheben. Wir gehen davon aus, dass alle Waldbanden-Kinder viele gemeinsame, aber auch individuell unterschiedliche Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsbedürfnisse haben. Wenn wir Kinder mit besonderen Bedürfnissen einbeziehen, wird die Spanne dieser Unterschiede noch breiter. Wir wollen diese Breite wahrnehmen und ihr gerecht werden. 

Dennoch sind wir uns bewusst, dass es individuelle oder umgebungsbezogene Grenzen gibt. Durch unseren naturpädagogischen Ansatz sind manche Einschränkungen unvermeidbar. Möglicherweise kann ein stark in der Bewegung eingeschränktes Kind zur Winterzeit im Wald nicht optimal betreut werden. Wir wollen jedoch alles möglich machen, was möglich ist. Dies möchten wir ggf. in gemeinsamen Gesprächen mit allen Beteiligten herausfinden. 

Wir sind mit verschiedenen Fachdiensten vernetzt, die bei uns im Waldkindergarten auch ihre Therapiestunden gestalten können, und werden potenziell von einer Integrationsfachkraft unterstützt.  

Die Waldbande ist vielfältig

Die Natur steckt voller Vielfalt und kennt keine Grenzen, keine Nationen – hier ist alles miteinander verbunden. Wir alle sind Teil dieser Natur. Egal, woher wir kommen, welches Geschlecht wir haben, was wir glauben, wie wir aussehen, wen wir lieben oder welche Besonderheiten uns ausmachen: alle Kinder und ihre Familien sollen sich unabhängig von diesen Kategorien anerkannt und wertgeschätzt fühlen.

Unterschiedlichkeit bzw. Vielfalt stellt für uns in der Waldbande eine Bereicherung dar.